Mittwoch, 22. Oktober 2014

[Rezension] Weil ein #Aufschrei nicht reicht

von Anne Wizorek
"***Feminismus? Fuck yeah!***
Moderne Geschlechterbilder statt Schubladendenken
Anne Wizorek löste mit ihrem Twitter-Hashtag einen riesigen Sturm im Netz aus. Tausende Frauen nutzen #aufschrei als Ventil, um ihren Erfahrungen mit dem alltäglichen Sexismus Luft zu machen. Der Erfolg der Aktion macht deutlich: Von Geschlechtergerechtigkeit sind wir noch weit entfernt, sexuelle Belästigung und Diskriminierung bleiben ein brennendes Problem. Erfrischend unakademisch zeigt Anne Wizorek, warum unsere Gesellschaft dringend eine neue feministische Agenda braucht. Sehr persönlich beschreibt sie ihren Weg zur Aktivistin und ermutigt dazu, selbst aktiv zu werden - im Großen wie im Kleinen."  



Nach einem Aufschrei von Anne Wizorek im Internet, startete in Deutschland eine Debatte über Sexismus, nach rund einem Jahr greift Anne Wizorek dieses Thema nun noch einmal auf.
In diesem Buch zeigt sie die Probleme, die durch den Sexismus, entstehen auf und erklärt was der Feminismus dagegen tun will und warum er genau deshalb so wichtig ist.



Das Cover und der Titel nehmen direkten Bezug auf zur Twitter-Aktion, es ist schlicht, schafft es aber dennoch aufzufallen, da der Titel einem förmlich ins Gesicht springt. :)


Dieses Buch zu rezensieren fällt mir nicht unbedingt leicht, gerade hier wird man doch sehr von seinen eigenen Ansichten beeinflusst, so dass wahrscheinlich viel Objektivität verloren geht - dennoch habe ich mich bemüht, es auch aus dieser Perspektive zu betrachten.

Aus meiner subjektiven Sicht, konnte mich die Autorin häufig überzeugen. Seit Jahren bin ich eine bekennende Feministin, dadurch habe ich mich natürlich schon sehr viel mit dem Feminismus auseinander gesetzt.
Die Autorin erzählt auf eine anschauliche und leicht verständliche Art und Weise, wie sehr unsere Gesellschaft vom Sexismus geprägt ist.
Ernste Themen werden mit einer lockeren und teils auch sarkastischen Art erzählt, was gerade auch für jüngere Leser sehr ansprechend sein könnte - mir hat es jeden Falls gut gefallen, wurde dem Buch dadurch ein bisschen Steifheit genommen, ohne - und das ist ganz wichtig - direkt an Sachlichkeit zu verlieren.
Gerade für Menschen die sich weniger intensiv damit befassen, wird hier gut dargestellt, wie viele Problematiken es eigentlich noch gibt, der Begriff zeigt deutlich wo Sexismus anfängt und ich denke, dass kann ein Erwachen sein, das schon recht schockiert. Weil man dadurch feststellen muss, wie sehr man eigentlich selbst vom Sexismus betroffen ist. Außerdem zeigt die Autorin auf, warum der Sexismus eigentlich so schlimm ist, gerade auch bei Kleinigkeiten. ;)
Diesbezüglich bin ich sehr bei der Autorin und konnte sie vollkommen verstehen, empfinde ich es doch auch sehr schlimm, dass bereits kleinen Kindern unterbewusst klar gemacht wird, wo die Unterschiede zwischen ihnen liegen und was ihrem Geschlecht entspricht und was auf keinen Fall. Das prägt fürs ganze Leben und deswegen sollte meiner Meinung nach, davon Abstand genommen werden.

Auch ernstere Themen werden thematisiert, wie zum Beispiel sexuelle Gewalt. Hier wird ziemlich deutlich gezeigt, wie schwer Opfer es heutzutage haben und das selbst ein Nein manchmal nicht ausreicht, damit jemand für Vergewaltigung bestraft wird. All das wird natürlich auch durch entsprechende Quellen belegt.
Gerade solche Themen, haben mich doch sehr emotional werden lassen und haben eine regelrechte Wut herbei gerufen, denn auch wenn mir das vorher schon klar war, war die direkte Konfrontation mit den Fakten, doch recht hart. Vor allem wenn man dann kurz darauf zu lesen bekommt, dass gerade diejenigen die, die Macht hätten etwas zu verändern, keinen Bedarf dafür sehen.

Subjektiv empfindeich die Auflistung der Probleme und auch deren angebotenen Lösungsvorschläge als gelungen und mir wurde dadurch wirklich klar, wieso es so wichtig ist, dass es den Feminismus sowie auch den Humanismus gibt.

Die Frage ob der Autorin es hiermit gelingen kann Skeptiker zu überzeugen, kann ich aber nur mit einem klaren Nein beantworten. Das Buch erweckte auf mich nicht unbedingt den Eindruck als wolle man die Frau bevorteilen, sorgt aber auch nicht dafür, dass klar wird, dass es im Feminismus eben auch darum geht die Probleme der Männer beiseite zu schaffen.
Zwar wirft die Autorin immer mal wieder ein, dass es Männer ja hier und da ja auch schwierig haben, aber im nächsten Atemzug wird gleich wieder erwähnt, dass es Frauen ja noch viel schlimmer ergehe, was direkt davor schon thematisiert wurde.
Probleme die hauptsächlich den Mann betreffen aber ebenfalls durch Sexismus verursacht sind, werden dann schon mal gar nicht thematisiert. Dabei gibt es auch da so einiges, man nehme nur Sorgerecht der Kinder im Falle einer Scheidung als Beispiel. ;)

Das Buch erweckte selbst auf mich den Eindruck um den "Schutz" des Feminismus genießen zu können, muss man als Mann entweder homosexuell sein oder einen Migrationhintergrund besitzen etc.
Weiße Männer spielen das Leben ja eh auf dem einfachsten Schwierigkeitsgrad, wozu brauchen sie also Unterstützung? ;) (Das ist sicherlich etwas überspitzt formuliert, aber so kommt es häufig rüber - das Beispiel mit der Schwierigkeitsgrad stammt tatsächlich von der Autorin)

Ich fand das unglaublich schade, weil es meiner Meinung nach so einfach wäre Kritiker vom Feminismus zu überzeugen (wollen wir die Hardcore Fraktion mal außen vor lassen, die Frauen am liebsten wieder das Wahlrecht nehmen würden), man müsse einfach nur mal aufzeigen, wie sehr beide Geschlechter, alle Menschen von einer gleichberechtigten Welt eigentlich profitieren würden. Und dazu zählt nun einmal auch, dass man sich der Probleme des Mannes annimmt.

Besonders dreist empfand ich auch, dass die Autorin gegen Ende des Buches eine kleine Ansprache direkt an den Mann hält, in dem sie alle Männer dazu auffordert sich ihrer Schuld bewusst zu sein. Denn selbst wenn sie sich bemühen frei von Sexismus zu denken und zu handeln, unterstützen sie ihn ja dennoch in dem sie nichts dagegen tun. Und da die weißen Männer, also gerade die, alle Privilegien nutzen die sie haben anstelle sie abzulehnen, sind sie halt sowieso mitschuld. Das fand ich sehr anmaßend, konnte es allerdings auch nicht sonderlich ernst nehmen - das könnte generell auch noch mal ein Problem des Buches sein. ;)

Im letzten Teil gab es noch eine Tabelle über die Entwicklung der Frauenrechte, die empfand ich wirklich als sehr interessant, auch wenn ich es schon schockierend fand wie viel, vor nicht allzu langer Zeit den Frauen noch verwehrt gewesen ist. Selbst wenn man sich dessen ebenfalls irgendwo bewusst war. ;)

Außerdem hat sich die Autorin gegen Ende doch sehr in den Mittelpunkt gerückt, hat viel von sich erzählt und ihren Werdegang, das mag für einige natürlich interessant sein, für mich war es hier eher Fehl am Platz, wenn ich etwas über den Autor lesen will, dann lese ich eine Biografie o.Ä.


Subjektiv gesehen trifft dieses Buch in vielerlei Hinsicht genau den richtigen Nerv. Objektiv betrachtet wird das Buch gerade Kritiker nicht überzeugen können, weil es dem Buch einfach nicht gelingt ein neues (das wahre) Bild des Feminismus zu schaffen.
Lesenswert mit Störfaktoren

Weitere Informationen: 
  • Broschiert: 336 Seiten
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch; Auflage: 1 (25. September 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596030668
  • ISBN-13: 978-3596030668

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